Der Leseratz nagt an: Calendar Girl "Verführt"

Ihr Lieben, es hilft nichts, es musste eine neue Rubrik hier im Blog her, sonst platze ich! Eine normale Rezension wird "Calendar Girl" einfach nicht gerecht, daher habe ich mir für euch "Der Leseratz nagt an" ausgedacht.


Es ist ja nicht so, dass ich nicht gewarnt worden wäre, aber eine gewisse Restneugier bleibt bei mir immer, wenn ein Buch sich längere Zeit bei uns in den Taschenbuch-Bestsellerlisten hält ... Da will ein Teil von mir offensichtlich einfach zu hartnäckig wissen, was die Leute daran gut finden. Mein Freund grinst sich mittlerweile schon immer eins, wenn ich wieder mit einem Erotik-Buch aus der Bib komme - ich schätze, das sagt eh schon alles :).



Das Buch


Autorin: Audrey Carlan
Titel: Calendar Girl "Verführt"

Klappentext:
Mia Saunders braucht Geld. Viel Geld. Eine Million Dollar, um ihren Vater zu retten. Er liegt im Krankenhaus, weil er seine Spielschulden nicht begleichen konnte. Um die Summe aufzutreiben, heuert Mia bei einer Agentur an und lässt sich als Begleitung buchen. Ihre Gesellschaft kostet 100.000 Dollar pro Monat. Sex ist ausdrücklich nicht Teil des Deals – leicht verdientes Geld! Und der Liebe hat Mia sowieso abgeschworen. Als sie ihrem ersten Kunden, dem Hollywood-Autor Wes Channing, gegenübersteht, ist schnell klar: Zwischen den beiden knistert es gewaltig. Vor ihnen liegt ein Monat voll heißer Leidenschaft. Doch Mia darf sich nicht verlieben. Denn Wes ist nur Mr Januar…

"Calendar Girl" ist eigentlich eine zwölfteilige Reihe, die in den USA ursprünglich monatlich erschien. Im Deutschen sind für die Veröffentlichung als Print-Ausgabe vier Bücher vorgesehen (die jeweils drei Monate enthalten), während die Monate in der E-Book-Ausgabe auch einzeln zu haben sind (genauso wie die Hörbuch-Fassungen).



Bevor wir anfangen: Hier noch die übliche Spoiler-Warnung (Und das ist eine wirklich eine Warnung, denn ich nehme mir kein Blatt vor den Mund!), ich werde sowohl über die Charaktere als auch die Handlung und einzelne Szenen des Buches schreiben - lesen also auf eigene Gefahr!



Eines noch vorab


Da ich mir nicht viel von dem Buch erwartet habe, dachte ich mir, das wird lustig, du markierst ein paar Stellen mit Post-its und schreibst ein paar beißende Bemerkungen auf Twitter ... Tja, der Plan ging leider nicht auf. Denn am Ende hatte ich so viele Post-its in dem Buch kleben, dass ich mir gedacht habe, das wird nix, da werd ich ja zum Spammer, wenn ich das alles raushaue :D.



Wahre Liebe gibt es nicht


Das ging schon gleich auf der ersten Seite mit der Figur von Mia selbst los. Wer vier Mal die große Liebe (angeblich) gefunden hat und noch immer nicht dazugelernt hat - tja, dem ist nicht zu helfen. Wie hat das jemand so treffend in einer Rezension formuliert? Ach ja: Sie ist nicht "die hellste Kerze auf der Torte" ... Und Mias Freundin Ginelle (Beste Grüße aus einem Porno-Film bei dem Namen) scheint nach ähnlichem Muster gestrickt zu sein:

"Wenn du den Escort-Job annimmst, musst du doch einfach nur hübsch aussehen und viel Sex haben, oder?"
Seite 11

Klar, Mia, den Job schaffst du! Einfach nur locker bleiben! Dann klappt das schon, dass du mal eben dich für Sex mit fremden Männern verkaufst ...

Bei der Familie ...


Wie praktisch, dass gleich die eigene Tante, die Augen wie grüne Amethyste hat (Amethyste sind übrigens lila, das nur am Rande!), eine Agentur hat, wo man mir nichts, dir nichts anheuern kann, um quasi nebenbei 100.000 Dollar zu verdienen - Sex nicht inklusive. Denn den müssen die Herrschaften nämlich extra bezahlen. Besten Dank auch, liebe Tante, dass du nix Besseres zu tun hast, als deine eigenen Familienmitglieder zu prostituieren ... Bei so einer Familie braucht man tatsächlich keine Feinde mehr.

Der Job


Mia nimmt den Job also an, mit dem Vorsatz, den Job zu erledigen - und fällt dann gleich mal aus allen Wolken, als sie erfährt, dass ihr altes Leben vorbei ist:

"Mir dämmerte jetzt, dass mein bisheriges Leben vorbei war. Keine normalen Dates mehr."
Seite 21

Ja, Mädel, was hast du denn erwartet? Wenn du quasi rund um die Uhr bei deinen Kunden klebst, dass du daneben noch ein Privatleben hast?

Die Regeln


Nächster Punkt: Die Escort-Regeln. Kurz zusammengefasst: Alles machen, was der Kunde will, schön aussehen, keine Dinge aus dem Privatleben erzählen (Das klang sogar relativ realistisch für mich) - so weit, so gut. Dass Mia natürlich nix besseres zu tun hat, als gleich im ersten Monat ihrem Kunden quasi ihre Lebensgeschichte auf die Nase zu binden, tja ... Die Regeln gelten halt anscheinend für alle andern, nur für sie nicht (Kunststück, wenn die Tante die Agentur-Besitzerin ist).

Die Kunden


Die Kunden sind natürlich - O-Ton - Sahneschnittchen. Auch klar. Einer wie der andere, angefangen beim surfenden Filmemacher über den Künstler bis zu den beiden schwulen Jungs, zu denen sie im März geschickt wird. Mia fängt schon bei ihrem Anblick regelrecht zu sabbern an ... Und natürlich reicht ein Blick, eine kleine Berührung aus, um ihr eine gewisse Hitze zwischen den Beinen zu bescheren.

"[...] Seine nackte Brust schimmerte goldbraun im Schein des Kaminfeuers. Gott, er war das reinste Kunstwerk. Der Feuerschein flackerte über die Berge und Täler seines Waschbrettbauchs, und die wohlgeformten, festen Brustmuskeln ließen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen."
Seite 52

Der Sex


Wobei wir endlich bei dem Punkt wären, wo ich mir gedacht habe, das gibt's nicht, das glaub ich nicht: die Sex-Szenen. Jeden, der mir erzählt, er möchte beim Orgasmus in den Orbit kommen oder wie ein Flugzeug abheben, werde ich mal eben schief anschauen. Absolute Highlights waren auch die Vergleiche mit dem Efeu (Der Orgasmus hat sie wie Efeu überzogen) oder - mein absoluter Liebling - der Vergleich mit Häcksler:

"Mit einem Grinsen biss er mich in die Brustwarze. Das war's. Mehr brauchte es nicht. Der Orgasmus zerfetzte mich wie ein Häcksler einen Baum."
Seite 238

Ernsthaft: Welche normale Frau will denn solche Orgasmen? Mal abgesehen, dass sie irgendwie lebensgefährlich klingen ... Daneben waren die unzähligen Wiederholungen, wie ihr jeweiliger Sexpartner sie rammte / nahm / sich steinhart gegen sie presste, eigentlich noch harmlos. Glaubt ihr mir, dass ich irgendwann nicht mehr anders konnte, als laut zu lachen?

Was ist Botanik?


Dass Mia nicht die Schlaueste ist, stellt sie meiner Meinung nach während des Buchs mehr als einmal unter Beweis. Ich meine, gut, manche Fremdwörter sind schwierig, aber wenn sie mit dem Begriff "forensische Pathologie" etwas anfangen kann, dann aber einen Moment später nicht weiß, was Botanik ist, kommt das schon etwas meeeeerkwürdig rüber.

Limo fahren


Genauso befremdlich fand ich die Szene, als sie im Begriff ist, bei der falschen Tür in die Limousine einzusteigen. Ich bin auch noch nie mit einer gefahren, würde aber trotzdem nicht auf der Beifahrerseite bei der Front-Tür einsteigen (Noch nie im TV gesehen, wie das geht, liebe Mia?) ... Schräg war das übrigens schon deswegen, weil eigentlich ein Chauffeur hier parat steht, der ihr die Tür zum Einsteigen öffnet, aber gut, was weiß ich denn schon :D.

Alles Schizo oder was?


An einer Stelle flippt sie so richtig aus, als sie erfährt, dass ihr Mr. Januar und Mr. Februar den Bonus bezahlt haben. Ach nein, die Typen waren so toll, da hat sie gern mit ihnen geschlafen - und nein, sie ist doch keine Hure! Sie doch nicht.

"Du hast mich für Sex bezahlt, das ist das Problem! [...] Ich bin nicht deine Hure! Das ist heute schon das zweite Mal, dass mich ein Mann behandelt, als wäre ich sein verdammtes Callgirl. Ich hatte doch nicht wegen des Geldes mit dir Sex! Himmel, warum sind Männer nur so blöd?!"
Seite 228

Die Szene war schon deswegen besonders spaßig, weil sie noch am Anfang des Buches sich genau als das bezeichnet. Ja, ist sie nun eine Hure oder nicht? Vielleicht hätte sie sich doch mal informieren sollen, was ein Escort-Girl so macht, ehe sie bei ihrer Tante den Vertrag unterschrieben hat ... Es gibt da so Dinge, die nennt man Internet und Suchmaschine, schon mal gehört davon, liebe Mia?

Die Beziehung zur BFF


Der schizophrene Charakter von Mia kommt auch bei anderen Dingen noch deutlich heraus. Sie und ihre Freundin bezeichnen sich beispielsweise gegenseitig als Miststücke (Weil das ja eine ganz besondere Freundschaft ist, die alles verträgt), ääääh, jaaaa? Ich weiß ja nicht, wie ihr das macht, aber ...

Die Beziehung zu Vater und Schwester


Nach und nach wird auch Mias Familie vorgestellt, wobei der Vater als Säufer und Opfer ihres Kredithai-Exfreundes eigentlich nicht gut wegkommt - aber eh klar, es ist ja ihr "Pops", da geht sie doch gern als Escort-Girl, um die Schulden für ihn abzuarbeiten. Genauso zum Kopfschütteln ist aber auch das Verhältnis zu ihrer 19jährigen Schwester:

"Auf keinen Fall würde meine süße, unschuldige Schwester einen Typen um ein Date bitten. Ich war stolz auf sie. Und mit noch viel größerem Stolz erfüllte mich, dass sie mit neunzehn immer noch Jungfrau war."
Seite 197

Tja, nur weil du, liebe Mia, nicht den Richtigen fürs erste Mal gefunden hast, muss das nicht heißen, dass alle in deinem Umfeld für immer und ewig enthaltsam bleiben sollen bzw. wollen (Als Escort-Girl solltest du da den Mund lieber nicht zu weit aufreißen - oder doch? >:)).

Hure oder nicht Hure?


Damit die Geschichte nicht schon gleich nach dem Januar zu Ende ist, sagt Mia Nein, als Mr. Januar (dem sie ja haarklein ihren "Werdegang" als Escort erzählt hat) ihr anbietet, ihr das Geld für ihren Vater zu geben ... Da möchte sie lieber noch weitere 11 Monate als Escort arbeiten und unabhängig bleiben.

Tja, Mia, du bist vielleicht keine Hure, hast aber offensichlich Spaß dran, dich wie eine zu verhalten und dich für deine Gesellschaft - oder was auch immer - bezahlen zu lassen. Oder wie soll man dieses Nein sonst verstehen? Du hättest dir das Geld nämlich auch vorstrecken lassen können und als Schauspielerin / Kellnerin / Was-du-sonst-noch-gemacht-hast abarbeiten können, wenn du den Job wirklich sooooo schrecklich gefunden hättest, wie du getan hast.

Das Wort zum Schluss


Ich glaube, ich habe mich schon lang nicht mehr so schwer getan wie hier, ein Buch zu bewerten. Oft genug dachte ich, das gibt's nicht, das les ich da jetzt nicht, das ist nicht wahr ... Klar, natürlich, das Buch ist kein Ernest Hemingway oder ähnlich Literarisches, das hab ich mir nicht erwartet, Groschenroman trifft es wohl eher, aber dieses Buch hier war schon wirklich ne Liga für sich! Von der Anhäufung der Klischees will ich jetzt gar nicht reden ...

Kennt ihr das, dass ein Buch so schlecht ist, dass es schon wieder witzig wird? Wobei ich so den Verdacht habe, dass Frau Carlan keine Parodie schreiben wollte - nur kann man es mit einigermaßen Verstand im Kopf nur noch so lesen! Charakterentwicklung? Tiefe? Fehlanzeige. Dafür viele unfreiwillig komische Sexszenen und eine Protagonistin, deren Verhalten für mich am Ende nur noch schizophren war ... Das Thema Prostitution wird außerdem bis zum Umfallen verherrlicht bzw. verharmlost - schade, dass ich die Autorin nicht fragen kann, was sie sich DABEI gedacht hat.

Ergo: Am besten aufs Klo mitnehmen, dort ablachen und dann am besten für immer aus dem Gedächtnis löschen - für alles andere ist das Buch nicht wirklich zu gebrauchen!

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